Kunstgeschichte

Iuxta formam moderni saeculi

Lemberg, St. Georgs-Kathedrale von Süden. Historische Aufnahme Die Union von Brest, in der die orthodoxe Metropolie von Kiew und ein Teil ihrer Bischöfe 1596 mit dem Papst von Rom in Kommuniongemeinschaft getreten waren, bildete eine Notmaßnahme zur Abwehr innerer und äußerer Gefahren in Gestalt von Reformation und Gegenreformation, polnischem Assimilierungsdruck und russischem Expansionsstreben. Dennoch brauchte es bis zur vollständigen Verwirklichung zumindest in der westlichen Ukraine ein volles Jahrhundert: die westlichen (galizischen) Eparchien blieben der Union zunächst fern und traten ihr erst um das Jahr 1700 bei. Die durch 100 Jahre getrennt verlaufene Entwicklung sollte auf der Synode von Zamo?? 1720 wieder zusammengeführt werden; es folgte daraus vor allem eine Festschreibung der Latinismen, die in diesen 100 Jahren in der Liturgie üblich geworden waren, und der Vorrangstellung des Basilianerordens, die in der Folge zu schwerwiegenden Konflikten mit dem Episkopat führen sollte.

Als Athanasius Šeptyc’kyj 1715 Bischof von Lemberg wurde, fand er als Kathedrale die alte, baufällige Kirche des St.-Georgs-Klosters vor, des wichtigsten Basilianerkonvents in ganz Galizien, der sich auf eine fürstliche Gründung zurückführte. Die genaue Gestalt dieses Vorgängerbaus ist nicht auf uns gekommen; jedoch spricht viel dafür, daß er aus einer älteren Rotunde mit umlaufender Empore im Inneren bestand (aus dem 13. Jh. oder um das Jahr 1340 herum), an die 1363-1437 ein basilikales Langhaus angefügt worden war. Die Funktion als Kathedrale hatte sie erst 1539 erhalten, als der orthodoxe Bischof von Haly? nach Lemberg gezogen war; seit alters her war sie Klosterkirche und – wie in der Orthodoxie üblich – Pfarrkirche der umliegend ansässigen Bevölkerung. Seit 1673, als eine wundertätige Ikone aus Terebovlja hierher übertragen worden war, diente sie auch als Wallfahrtsort. Der gesamte Komplex war zudem von einer Wehrmauer umgeben und mit Bastionen versehen, da er sich an exponierter Stelle außerhalb der Stadtbefestigung befand. Bereits 1734 hatte Bischof Athanasius geplant, die alte Kirche abzutragen und an ihrer Stelle einen modernen Bau zu errichten – ein Vorhaben, das von den Basilianern mißtrauisch beäugt wurde, da sie die Kosten

 

fürchteten und sich um ihre Privilegien sorgten. Als ersten Schritt hatte er 1732 bis 1738 den Flügel südlich der Kirche als Kapitelbau erneuern lassen. Im Jahr 1743 ließ er die alte, ruinöse Kirche abtragen und beauftragte im Jahr darauf den Lemberger Architekten Bernard Meretyn mit Planung und Durchführung des Neubaus.

Dieser Bernard Meretyn war seit 1738 in Lemberg ansässig und hatte sehr schnell eine beherrschende Stellung im Baugewerbe der Stadt erreicht – zeitweise gab es kaum eine Baustelle in der Stadt oder ihrer Umgebung, an der Meretyn nicht zumindest mittelbar beteiligt gewesen wäre. Mehrere Jahre arbeitete er für den Grafen Potocki und trug seit 1745 den Ehrentitel eines königlich polnischen Hofarchitekten. Trotz dieser glänzenden Laufbahn liegt seine Herkunft im Dunkeln; stilistische Merkmale lassen an Böhmen, Mähren und die österreichischen Lande als Ausbildungsstätte denken. Das Führen des deutschen Namens Merderer und die Verwendung der Frakturschrift bei der Signatur weisen zusätzlich auf den deutschen Sprachraum hin; die italienische Namensform Merettini, die er ebenfalls führt, gibt vielleicht einen Hinweis auf den schweizerischen Tessin – ein Gebiet mit italienischer Muttersprache, aber deutscher Kanzlei- und Amtssprache.

Dieser lokal berühmte Architekt Meretyn plante und beaufsichtigte also ab 1744 den Neubau der Georgskathedrale. Sollte diese ursprünglich wohl mit einer Doppelturmfassade versehen werden, womit sie sich nahtlos in die Reihe der damals nach lateinischem Vorbild neuerrichteten Kathedralen und Münster Galiziens eingereiht hätte, so wurden diese Pläne bald modifiziert. Der Grundriß der Kirche, der vermutlich seit Beginn der Bauarbeiten beibehalten wurde, bildet in seiner zweifachen Lesbarkeit – als Zentral- oder Longitudinalraum – die Grundkonzeption des Baus ab: denn dieser stellt weniger einen Kompromiß als vielmehr eine Synthese östlicher und westlicher Bautradition dar. Die Disposition des griechischen Kreuzes, das durch in die Winkel gezwängte, kuppelgewölbte Anräume zum Rechteck ergänzt wird, erinnert an die barocke Kollegienkirche in Salzburg wie auch an den Michelangeloplan für St. Peter in Rom, der mater ecclesiarum. Gleichzeitig haben dem Plan sicherlich die Fünfkuppelkirchen zum Vorbild gedient, die in der Frühzeit der Rus’ den vorherrschenden Bautypus bildeten und in der Holzkirchenarchitektur weit verbreitet waren , und die Verlängerung von Presbyterium und Langhaus spielt auf lateinische Wandpfeilerkirchen an.

Die erste erhaltene Entwurfszeichnung von 1751 mit drei aufeinanderfolgenden Kuppeln betont wiederum die Aufnahme regionaler Bautraditionen – Dreikuppelbauten sind in Galizien durch die Holzarchitektur und in einigen Beispielen auch als Steinbauten verbreitet – bei gleichzeitigem möglichem Bezug auf westliche Beispiele wie die Olmützer Michaelskirche , die wiederum über den Passauer Dom und norditalienische Beispiele auf San Marco in Venedig zurückzuführen ist – dies nicht zufällig ein byzantinischer Bau. Diese Planung wurde sehr lange beibehalten – bis zum Gewölbeansatz, der laut den Quellen 1756 erreicht war, entspricht sie dem ausgeführten Zustand. In diesem Jahr vereinbarte Bischof Leon Šeptyc’kyj, der seinem 1746 verstorbenen Onkel Athanasius 1749 nachgefolgt war, mit Meretyn die Ersetzung der zwei kleineren Kuppeln durch einfache Kreuzgewölbe – mit zwiespältigem Effekt: der so erreichten Konzentration auf die Vierungskuppel stehen die nunmehr unmotivierten Irregularitäten in der Anordnung von Emporen und Fenstern gegenüber.

Diese »quadratische Kuppel« über der Vierung ist in Mitteleuropa ein Unikum, das mit den Kuppeln in Kladrau und von St. Niklas in der Prager Altstadt nur bedingt vergleichbar ist. Denn die schräggestellten Vierungspfeiler reichen bis zum Wölbungsansatz der Kuppel, machen eine Pendentifzone überflüssig und besitzen daher vollkommen andere, nämlich größere Proportionen als die umgebenden Anräume (Presbyterium, Lang- und Querhaus), von denen sie dadurch isoliert wirken. Diese monumentalen Proportionen werden später in der Fassade wiederaufgenommen werden. Die auf halber Höhe befindliche Galerie ist für byzantinische Kirchen insofern ungewöhnlich, als sie neben Lang- und Querhaus auch das Presbyterium umläuft. Mit ihrem charakteristischen Profi l bilden die Balkone ein interessantes Bindeglied zur Architektur des Jakob Prandtauer, der Coretti dieser Art oft und gern verwendete und sie in Österreich populär gemacht hat. Auch an der Hauptfassade findet diese Form Verwendung; zusammen mit den uns bereits aus der Vierung bekannten monumentalen Pilastern bildet sie sozusagen ein Præludium zum Innenraum. Die Schwellung der Fassade zur Mitte hin, die durch das Versinken der Mittelachse zergliedert und durch zwei Bögen verklammert wird, läßt sich als Einfluß Guarinischer Architektur deuten, der sich in verschiedenen Fassaden Prunners, Prandtauers und Steinls, vor allem aber in den Dientzenhofer’schen Bauten von Braunau, Breunau und Bamberg manifestiert. Auch die monumentale Treppe und die Terrasse mit ihren Brüstungen und den darauf verteilten Putti lassen an böhmische Vorbilder wie Braunau oder das Prager Lorettoheiligtum denken, die ihrerseits wiederum durch norditalienische und römische Beispiele inspiriert wurden.

Schließlich hat die Fassade durch ihren vom Bildhauer Pinsel geschaffenen Skulpturenschmuck und Dekor, in Zusammenspiel mit den den Hof umgebenden Gebäuden und Begrenzungen, die Funktion eines doppelten Monuments, für die Brester Kirchenunion sowie die Familie Šeptyc’kyj, übernommen, die im 18. Jhdt. immerhin drei Bischöfe von Lemberg stellte. Dieser Skulpturenschmuck ist übrigens deutlich von der ephemeren Architektur der Triumphbögen und Prunkfassaden beeinflußt, die gerade im 17./18. Jhdt. nicht nur in Polen-Litauen populär waren. Hinweise auf die Basilianer sucht man vergeblich; obwohl sie auf dem Georgshügel die älteren Rechte geltend machen konnten, standen sie mit dem Bischof ständig in Konflikt, versuchten den Neubau vergeblich zu verhindern und wurden schließlich 1817 aus dem Komplex vertrieben.

Noch vor Vollendung des Baus bemühte sich – aus heiterem Himmel, wie es scheint – Bischof Leon 1758 um Auflösung des Vertrages mit Meretyn; dieser drohte mit Klage, starb aber 1759 – angeblich aus Gram. Grund für den bischöflichen Sinneswandel nach fast 10 Jahren scheinbar reibungsloser Zusammenarbeit war wohl die Kritik des französischen Architekten Pierre Ricaud de Tirregaille am Meretyn’schen Neubau, die dieser anscheinend als altmodisch und nicht den französischen Architekturtheorien entsprechend empfand.

Hier ergibt sich eine bemerkenswerte Diskrepanz zur Forderung des Bischofs Athanasius: »iuxta formam moderni sæculi«. Bei Betrachtung der Planungsgeschichte kommt der Verfasser aber zum Schluß, daß Meretyn unter den gegebenen Umständen kaum anders bauen konnte. Denn neben der Anforderung, einen modernen Bau zu errichten, sollte dieser mutmaßlich auch deutlich als der byzantinischen Liturgie gewidmeter Kirchenraum gestaltet werden. Dies ließ dem Architekten – anders als Jan de Witte bei seinem gleichzeitig erfolgten Neubau der Dominikanerkirche in Lemberg – nur wenig Spielraum. Zudem ist zu beachten, daß sich die Architekturtraditionen in Frankreich und Mitteleuropa beträchtlich unterscheiden, so daß wohl jeder Bau dieser Zeit und Region de Tirregaille als »altmodisch« vorgekommen wäre.

Die Georgskathedrale wurde nach dem Tod Meretyns bis 1764 (kleinere Arbeiten bis 1774, Innenausstattung bis in die 1780er Jahre) fertiggestellt; durch die Erhebung des Bischofs von Lemberg zum Metropoliten und Oberhaupt der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche Anfang des 19. Jahrhunderts bildete sie bis 2005, als Großerzbischof Husar seinen Sitz nach Kiew verlegte, das Zentrum und Symbol dieser katholischen Teilkirche. Ob sie diese symbolische Rolle auch in der veränderten Situation wird spielen können, muß die Zukunft erweisen.